Akutversorgung

Lebensbedrohliche, unkontrollierte Blutungen

Rund 1% der Schweizer Bevölkerung nimmt täglich Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung ein.1 Die wichtigsten Gründe für diese Behandlung sind eine künstliche Herzklappe, wiederholte Thrombosen und Lungenembolien sowie Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern).1 Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Anzahl der Patient:innen, für welche eine Indikation zur Einleitung einer oralen Antikoagulation besteht:2 bei über 85-Jährigen sind dies allein 20% aufgrund von Vorhofflimmern.3

Zur Antikoagulation stehen verschiedene Wirkstoffklassen zur Verfügung: Direkte orale Antikoagulantien (DOAKs) haben sich schnell zu einer attraktiven Alternative zum langjährigen Standard der Gerinnungshemmung, den Vitamin-K-Antagonisten, entwickelt.4 Im Vergleich zu Vitamin-K-Antagonisten überzeugen DOAK durch ein besseres Nutzen/Risiko-Verhältnis, eine vorhersehbare Wirkung ohne die Notwendigkeit routinemässiger Laborkontrollen und weniger Wechselwirkungen mit Lebensmitteln und Medikamenten.5

Trotz des positiven Nutzen/Risiko-Verhältnisses der DOAKs treten jährlich bei etwa 2 bis 3,5% der Patient:innen schwere Blutungen auf.6 Die Mortalitätsrate nach schweren DOAK-bedingten Blutungen liegt bei 17,7% und ohne das Erreichen einer wirksamen Hämostase steigt das Mortalitätsrisiko um den Faktor 3,6.7

Schweiz

circa 1% der Schweizer nehmen täglich Antikoagulantien ein1

Mortalität

Die Mortalitätsrate nach schweren Blutungen liegt bei 17,7%7

Hämostase

Ohne wirksame Hämostase steigt die Mortalität um den Faktor 3,67

Der Blutungsort von Patien:innen mit VHF, welche aufgrund einer schweren DOAK-bedingten Blutung hospitalisiert wurden, ist bei 57,6% aller Patient:innen gastrointestinal, bei 25,4% an kritischen Stellen, bei 9.1% intrakraniell und bei 1.9% auf Grund von schweren Traumata oder chirurgischen Komplikationen.6

patient-image

Als Risikofaktoren für Blutungen gelten das Alter (über 65 Jahre), ein unbehandelter Bluthochdruck, schwere Leber- oder Nierenfunktionsstörungen, Blutungen oder Schlaganfälle in der Vorgeschichte, schwankende INR-Werte und die Einnahme weiterer Arzneimittel.8

anzahal-graph

Abbildung 1: Adaptiert nach Held C et al. Eur Heart J. 2015;36(20):1264-1272; Hankey GJ et al. Stroke. 2014;45(5):1304-1312.

DOAK-bedingte schwere gastrointestinale Blutungen sind mit einem signifikanten Risiko der 30-Tage-Mortalität verbunden.9

anzahal-graph

Abbildung 2: 1. Adaptiert nach Milling TJ Jr, et al. Am J Emerg Med 2018;36:396–402; 2. Coleman CI, et al. Future Cardiol 2021;17:127–135; 3. Pannach S, et al. J Gastroenterol 2017;52:1211–1220; 4. Singer AJ, et al. J Emerg Med 2017;52:1–7; 5. Fermann GJ et al. J Med Econ 2020;23(12):1409–1417; 6. Hearnshaw SA et al. Gut 2011;60(10):1327–1335

Symptome

Zu den Symptomen einer gastrointestinalen Blutung können gehören:10

  • schwarzer oder teerartiger Stuhl
  • hellrotes Blut im Erbrochenen
  • Krämpfe im Unterleib
  • Blut im Stuhl
  • Schwindel oder Ohnmacht
  • Müdigkeit
  • Blässe
  • Kurzatmigkeit
  • Schwäche

Mögliche Anzeichen einer intrakraniellen Blutung beinhalten:11

  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit/Erbrechen
  • Bewusstseinsstörungen
  • Lethargie
  • Motorische Defizite
  • Sprachstörungen
  • Krampfanfälle

Bei einer akuten Blutung können die Patient:innen einen Schock erleiden, der zu einem Abfall des Blutdrucks, einem schnellen Puls und Bewusstlosigkeit führen kann.10

Diagnose

Zur Bewertung des Blutungsrisikos unter DOAK wird eine strukturierte, auf einem Risikoscore basierende Beurteilung empfohlen (z.B. der HAS-BLED-Score), um Patient:innen mit höherem Blutungsrisiko (HAS-BLED-Score ≥3) zu identifizieren und für häufigere klinische Überprüfung und Nachsorge einzuplanen.12
Für innere Blutungen gibt es kein charakteristisches klinisches Anzeichen, daher ist die klinische Beurteilung der Patient:innen entscheidend. Schwere Blutungen führen zu niedrigen Hämoglobin- und Hämatokrit-Werten im Blut, auch wenn es viele Stunden dauern kann, bis die Labortests diese Auswirkungen zeigen.13

Bildgebende Verfahren sind entscheidend bei der Diagnose von Blutungen. Eine intrakranielle Blutung kann entweder durch ein kontrastfreies CT oder ein MRT bestätigt werden. Eine gastrointestinale Endoskopie hilft bei der Diagnose einer gastrointestinalen Blutung.13

Behandlung

Dank der kurzen Halbwertszeit der DOAK nimmt die antikoagulative Wirkung rasch ab und 16–24 h nach der letzten DOAK-Einnahme ist nur noch eine geringe Beeinflussung der Hämostase zu erwarten.11
Es ist jedoch zu beachten, dass bei Notfallpatient:innen, die mit einem DOAK behandelt werden, die Konzentration von Antikoagulantien zu Beginn der Behandlung stark schwanken können.14
Bei einer leichten Blutung unter DOAK wird empfohlen, die nächste Dosis später zu verabreichen oder die Behandlung abzubrechen und die Begleitmedikation zu überprüfen.5,12

Das Management von mittelschweren bis schweren Blutungen umfasst sowohl Basismassnahmen als auch spezifische Massnahmen zur Optimierung der Hämostase. Basis-Massnahmen zur Blutstillung können angepasst an den Schweregrad und die Lage der Blutung folgendes beinhalten:12

  • Mechanische Kompression, chirurgischer/interventioneller Eingriff
  • Flüssigkeitsersatz und hämodynamische Unterstützung
  • Blutprodukte oder Transfusion von Blutkomponenten

Zu den weiteren Massnahmen gehören die Gabe von spezifischen Antidots oder Prokoagulatien bei lebensbedrohlichen oder nicht kontrollierbaren Blutungen.12

ttr

CT: Computertomografie; DOAK: direkte orale Antikoagulantien; HAS-BLED: Scoring-System zur Einschätzung des 1-Jahresrisikos für schwere Blutungen; INR: International Normalized Ratio; MRT: Magnetresonanztomographie; NVAF: nicht-valvulärem Vorhofflimmern.

Referenzen:

  1. Coagulation care, Schweizerische Stiftung für Patienten mit Blutverdünnung. Blutverdünnung. Online verfügbar unter: https://www.coagulationcare.ch/blutverduennung.html. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  2. Jürgen Bauer, Cornel C. Sieber. Antikoagulation bei älteren Menschen. Schweiz Med Forum 2004;4:824–831. Online verfügbar unter: https://smf.swisshealthweb.ch/fileadmin/assets/SMF/2004/fms.2004.05279/fms-2004-05279.pdf. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  3. Roland Fath, Notfallmanagement: Direkte Antikoagulation aufheben. Dtsch Arztebl 2020; 117(5): A-213. Online verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/212290/Notfallmanagement-Direkte-Antikoagulation-aufheben. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  4. Chen A, et al. Direct Oral Anticoagulant Use: A Practical Guide to Common Clinical Challenges. J Am Heart Assoc. 2020 Jul 7;9(13):e017559.
  5. Heidbuchel H, et al. Updated European Heart Rhythm Association Practical Guide on the use of non-vitamin K antagonist anticoagulants in patients with non-valvular atrial fibrillation. Europace. 2015 Oct;17(10):1467-507.
  6. Deitelzweig S, et al. Incremental economic burden associated with major bleeding among atrial fibrillation patients treated with factor Xa inhibitors. J Med Econ. 2017 Dec;20(12):1217-1223.
  7. Gómez-Outes A, et al. Meta-Analysis of Reversal Agents for Severe Bleeding Associated With Direct Oral Anticoagulants. J Am Coll Cardiol. 2021 Jun 22;77(24):2987-3001.
  8. Habert JS. Minimizing bleeding risk in patients receiving direct oral anticoagulants for stroke prevention. Int J Gen Med. 2016 Oct 11;9:337-347.
  9. Nicholas L.J. Chornenki, Roupen Odabashiain, Jenneke Lenteejens, Fabian Stucki, Tobias Tritschler, Deborah Siegal; All-Cause Mortality after Major Gastrointestinal Bleeding Among Patients Receiving Direct Oral Anticoagulants: A Systematic Review and Meta-Analysis. Blood 2023; 142 (Supplement 1): 4014. doi: https://doi.org/10.1182/blood-2023-174340).
  10. NIH, National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases. Symptoms and causes of GI Bleeding. Online verfügbar unter: https://www.niddk.nih.gov/health-information/digestive-diseases/gastrointestinal-bleeding/symptoms-causes. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  11. Tenny S, Thorell W. Intracranial Hemorrhage. Stand: 17.02.2024. Online verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK470242/. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  12. Rosemann A, et al. Neue/Direkte orale Antikoagulantien (DOAK). IHAMZ-Guideline, Institut für Hausarztmedizin, Universitätsspital Zürich. Erstellt: 11/2023. Online verfügbar unter: https://guidelines.fmh.ch/downloads/19190258/download-de.pdf. Letzter Zugriff: 23.05.2024.
  13. Gunasekaran K, et al. A Review of the Incidence Diagnosis and Treatment of Spontaneous Hemorrhage in Patients Treated with Direct Oral Anticoagulants. J Clin Med. 2020 Sep 15;9(9):2984.
  14. Lindhoff-Last E, Birschmann I, Kuhn J, Lindau S, Konstantinides S, Grottke O, Nowak-Göttl U, Lucks J, Zydek B, von Heymann C, Sümnig A, Beyer-Westendorf J, Schellong S, Meybohm P, Greinacher A, Herrmann E; RADOA-Registry Investigators (Reversal Agent use in patients treated with Direct Oral Anticoagulants or vitamin K antagonists Registry). Pharmacokinetics of Direct Oral Anticoagulants in Emergency Situations: Results of the Prospective Observational RADOA-Registry. Thromb Haemost. 2022 Apr;122(4):552-559. doi: 10.1055/a-1549-6556.

Nützliche Produktinformationen

Unser breit gefächertes Fachwissen in den Bereichen Forschung und Entwicklung setzen wir im gesamten Lebenszyklus eines Medikaments ein.
Entdecken Sie jetzt unsere Indikationen oder stöbern Sie durch alle unsere Produkte!

CH-9812-Revision date 05/2024